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Finnland zahlte zwei Gruppen das gleiche Geld. Eine davon verzeichnete eine um 33 % bessere psychische Gesundheit.

Scott Santens, 18.01.2026

Neue Forschungsergebnisse aus Finnlands Grundeinkommens-Experiment belegen, dass allein das Vertrauen in die Menschen – nicht nur das Geld selbst – die psychische Gesundheit erheblich verbessert.

In der Behandlung psychischer Erkrankungen findet derzeit eine Revolution statt, die nicht von Pharmaunternehmen oder Therapiepraxen ausgeht. Sie kommt von etwas viel Einfacherem und rückblickend betrachtet viel Offensichtlicherem: Menschen ein monatliches bedingungsloses Einkommen zu geben.



Eine neue Analyse des finnischen Experiments zum Grundeinkommen hat gerade einen weiteren Baustein zu einer mittlerweile unbestreitbaren Beweislage hinzugefügt. In diesem bahnbrechenden Experiment erhielten zwei Gruppen von Arbeitslosen regelmäßig den gleichen Geldbetrag – 560 Euro pro Monat. Der einzige Unterschied war die Art, wie sie den Betrag erhielten. Die eine Gruppe bekam ihn bedingungslos, ohne Auflagen. Die andere Gruppe erhielt ihn unter bestimmten Bedingungen, nämlich der Auflage, Arbeit zu suchen, sich bei der Arbeitsbehörde zu melden und die Bürokratie zufriedenzustellen. Und mit einer neuen Anstellung blieb auch das Geld aus.



Das gleiche Geld. Unterschiedliche Regeln. Welche Ergebnisse?

In der Kontrollgruppe, die bedingte Leistungen erhielt, hatten am Ende der Studie 24 Prozent eine schlechte psychische Gesundheit. In der Behandlungsgruppe, die ein bedingungsloses Grundeinkommen erhielt, hingegen nur 16 Prozent. Das ist ein Rückgang um 8 Prozentpunkte – also um ein Drittel weniger schlechte psychische Gesundheit – allein durch das Weglassen der Bedingungen.

Lassen Sie das auf sich wirken. Es war nicht die Höhe des Geldbetrags, die den Unterschied ausmachte. Beide Gruppen erhielten die gleichen 560 € pro Monat. Es war die Bedingungslosigkeit selbst – der einfache Umstand, Menschen Ressourcen anzuvertrauen, ohne Überwachung oder Beurteilung, ohne Ringe, durch die man springen muss, oder Formulare ausfüllen zu müssen –, die diese dramatischen Verbesserungen des psychischen Wohlbefindens bewirkte.

Diese neue Analyse, die im Dezember 2025 von Forschenden des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung und der Universität Helsinki veröffentlicht wurde, bestätigt, was Befürworter des Grundeinkommens schon lange vermutet haben: Die Bedingungen, die wir an Sozialleistungen knüpfen, sind nicht nur bürokratische Unannehmlichkeiten. Sie verursachen aktiv Schäden. Sie lösen Stress, Ängste und psychische Schäden aus, die auch dann auftreten, wenn die finanzielle Unterstützung ausreichend ist.

Was Finnland konkret getestet hat

Das finnische Experiment, gestartet 2017, war ein zweijähriger, landesweiter und randomisierter Feldversuch zum Grundeinkommen. Zweitausend zufällig ausgewählte Arbeitslose erhielten monatlich 560 Euro ohne jegliche Auflagen – keine Verpflichtung, Arbeit zu suchen, keine Meldepflicht beim Arbeitsamt, keine Kürzungen, wenn sie eine Arbeit fanden oder zusätzliches Einkommen erzielten. Eine Kontrollgruppe mit über 173.000 Personen erhielt weiterhin die herkömmliche bedingte Arbeitslosenhilfe in gleicher Höhe.



Beide Gruppen erhielten das gleiche Geld. Der Verwaltungsaufwand für die Versuchsgruppe war einfach geringer – sie bekamen ihre 560 Euro ohne jegliche Auflagen. Das war’s. Das ist wirklich der einzige Unterschied, der getestet wurde.

Die Forschenden haben die psychische Gesundheit mit dem MHI-5 gemessen, eines validierten fünfteiligen Screening-Instruments zur Erkennung eines erhöhten Risikos für Stimmungs- und Angststörungen. Das Ergebnis war erstaunlich: In der Interventionsgruppe fiel der Anteil der Personen mit einem positiven Screening auf schlechte psychische Gesundheit signifikant geringer aus. Die bereinigte Risikodifferenz betrug 8 Prozentpunkte, mit einem 95-prozentigen Konfidenzintervall zwischen 3 und 12 Prozentpunkten. Im Klartext: Die Forschenden sind überzeugt, dass das bedingungslose Grundeinkommen schlechte psychische Gesundheit um 12,5 % bis 50 % reduziert hat, mit einem besten Schätzwert von 33 %. Dies war kein Zufall oder statistisches Rauschen – es handelte sich um ein robustes, signifikantes Ergebnis.

Die Behandlungsgruppe war zufriedener mit ihrem Leben, erlebte weniger psychische Belastung, weniger Depressionen, weniger Traurigkeit und weniger Einsamkeit. Sie berichtete zudem über bessere kognitive Fähigkeiten – ein verbessertes Gedächtnis, besseres Lernen und höhere Konzentrationsfähigkeit. All dies allein dadurch, dass sie dasselbe Geld mit weniger Auflagen erhielt.

Dies ist kein Einzelfund. Es ist Teil eines Musters, das so konsistent ist, dass es eigentlich überall Schlagzeilen machen müsste.

Der Zusammenhang mit Vertrauen

Vielleicht war der faszinierendste Befund aus Finnland gar keiner zur psychischen Gesundheit, sondern zum Vertrauen. Die Empfänger des Grundeinkommens vertrauten anderen Menschen und gesellschaftlichen Institutionen mehr als die Kontrollgruppe. Sie waren zuversichtlicher in Bezug auf ihre eigene Zukunft und ihre Fähigkeit, Dinge zu beeinflussen.



„Die Empfänger des Grundeinkommens vertrauten anderen Menschen und den gesellschaftlichen Institutionen stärker und waren zuversichtlicher bezüglich ihrer eigenen Zukunft sowie ihrer Fähigkeit, Dinge zu beeinflussen als die Kontrollgruppe. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass das Grundeinkommen bedingungslos war, was in früheren Studien als vertrauensfördernd für das System beschrieben wurde.“

Forschungsergebnisse aus Malawi bestätigen dieses Muster. In einem Experiment zu Geldtransfers mit jugendlichen Schülerinnen litten diejenigen, die bedingungslose Zahlungen erhielten, mit einer um 14 Prozentpunkte geringeren Wahrscheinlichkeit unter psychischer Belastung als die Kontrollgruppe. Mädchen, die denselben Geldbetrag erhielten, jedoch an Bedingungen geknüpft – etwa an eine regelmäßige Teilnahme am Schulunterricht –, zeigten nur eine Verbesserung um 6 Prozentpunkte. Damit war bedingungsloses Geld hier 2,3-mal so wirksam für die psychische Gesundheit wie bedingte Zahlungeneine Steigerung um 133 Prozent. Die Forschenden führten diese Differenz auf die psychische Belastung zurück, die mit der Erfüllung von Auflagen einhergeht. Selbst gut gemeinte Ziele wie Bildung können die positiven Effekte von Geldtransfers auf die psychische Gesundheit untergraben.

Überlege mal, was das bedeutet. Wenn die Gesellschaft dir Ressourcen anvertraut – wenn sie sagt: „Wir vertrauen darauf, dass du damit umgehen kannst, ohne dir ständig über die Schulter zu schauen“ –, dann wirst du im Gegenzug der Gesellschaft ebenfalls vertrauen. Und wenn du den Menschen und Institutionen um dich herum vertraust, geht es dir besser. Deine Psyche wird gesünder.

Ich habe selbst die Erfahrung gemacht: Mir geht es mental besser, wenn ich jedem Mitglied der Gesellschaft mehr vertraue. Dieses Vertrauen ist nicht nur ein Nice-to-have, sondern grundlegend für psychisches Wohlbefinden. Es ist schwer, sich in der Welt zurechtzufinden, wenn man sich überwacht, unter Verdacht gestellt und ständig gezwungen fühlt, die eigene Bedürftigkeit zu beweisen. Bedingungslosigkeit nimmt diese Last, mit positiven Folgen für die psychische Gesundheit.

Niemandem wurde geschadet – alle profitierten

Die Forschenden untersuchten zudem, ob das Grundeinkommen bestimmten Gruppen stärker zugutekam als anderen. Mithilfe von drei unterschiedlichen analytischen Verfahren – Subgruppenanalyse, Mehrebenenmodelle und maschinelles Lernen (Causal Forest) – suchten sie nach Unterschieden bezüglich Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, vorherigem Erwerbsstatus, Urbanität, Partnerschaftsstatus und Familienzusammensetzung.



Das Ergebnis war bemerkenswert: Die positiven Effekte zeigten sich übereinstimmend über alle Gruppen hinweg. Das Grundeinkommen half weder jungen Menschen mehr als älteren, noch Frauen mehr als Männern oder geringer Gebildeten mehr als Hochgebildeten. Es half allen in etwa gleicher Weise. Die Forschenden drücken es so aus: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Grundeinkommensmodelle keine schädlichen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit entlang verschiedener potenzieller Aspekte von Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt haben und es unwahrscheinlich ist, dass sie psychische Ungleichheiten unter arbeitslosen Menschen vergrößern.“



Politisch ist das enorm bedeutend. Ein häufiger Einwand gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen ist, dass es den einen nützt und den anderen schadet – etwa indem es althergebrachte Geschlechterrollen verstärkt oder bestimmte Gruppen benachteiligt. Die finnischen Daten zeigen, dass dies nicht der Fall ist. Das Grundeinkommen fördert die psychische Gesundheit umfassend.

Bargeld siegt über Therapie

Die Ergebnisse aus Finnland passen zu Forschungsresultaten aus aller Welt. In Kenia führten Wissenschaftler eine gründliche Studie durch, in der sie die Auswirkungen einer bedingungslosen Geldzahlung in Höhe von 1.076 US-Dollar mit denen einer fünfwöchigen Psychotherapie verglichen, die fast dreimal so viel kostete. Ein Jahr später zeigten die Bargeldempfänger ein höheres psychisches Wohlbefinden als die Kontrollgruppe. Der psychologische oder wirtschaftliche Status der Teilnehmer einer Psychotherapie hingegen änderte sich nicht messbar.



Am aussagekräftigsten ist vielleicht, dass die Kombination beider Maßnahmen – also Bargeldzahlung und Therapie – zu ähnlichen Ergebnissen führte wie die das Bargeld allein. Die Therapie brachte keinen Zusatznutzen. Das Geld allein bewirkte alles.



Das sollte uns nicht überraschen. Wenn jemand unter finanziellen Belastungen und Angst vor Bürokratie leidet, kann eine kognitive Verhaltenstherapie nur begrenzt helfen. Die Therapie geht nicht auf das eigentliche Problem ein. Bargeld – bedingungsloses Bargeld – aber schon.

Deutsche Studie zeigt gleiches Muster

Neue Ergebnisse aus Deutschlands dreijährigem Pilotprojekt zum Grundeinkommen, die im April 2025 veröffentlicht wurden, untermauern diese Erkenntnisse. Die Teilnehmer erhielten drei Jahre lang monatlich 1.200 Euro ohne Auflagen. Die Verbesserungen der psychischen Gesundheit waren nach Angaben der Forschenden „erheblich und robust“.



Die psychische Gesundheit verbesserte sich um 0,347 Standardabweichungen. Das Gefühl, einen Sinn im Leben zu haben, verbesserte sich um 0,250 Standardabweichungen. Die Lebenszufriedenheit verbesserte sich um 0,417 Standardabweichungen. Teure, intensive Programme erzielen oft Effekte von 0,1 bis 0,2 Standardabweichungen. Es ist erstaunlich, dass 0,35 bis 0,42 Standardabweichungen erreicht wurden, „nur” indem man Menschen Geld zahlt. Die stärkste Wirkung zeigte sich jedoch bei der Autonomie – das Grundeinkommen gab den Menschen das Gefühl, mehr Kontrolle über ihr Leben zu haben, dass ihr Leben „wertvoller und sinnvoller“ sei.



Die deutschen Forschenden kamen zu dem Schluss, dass das Grundeinkommen „als Instrument der Resilienz fungiert“. Es bringt die Menschen in die Position, Nein zu sagen – nein zu schlechten Jobs, zu ausbeuterischen Bedingungen, zu Situationen, die ihrer psychischen Gesundheit schaden. Diese Macht ändert alles.

Achtunddreißig Studien erzählen dieselbe Geschichte



Eine in Social Science & Medicine publizierte systematische Übersichtsarbeit untersuchte 38 Studien zu Änderungen der Sozialversicherungspolitik in Ländern mit hohem Einkommen. Einundzwanzig Studien befassten sich mit Leistungsverbesserungen sozialer Sicherungssysteme, siebzehn mit Kürzungen. Es zeigte sich ein klares Muster: Politiken, die den Zugang zu sozialer Sicherung verbessern und deren Leistungen ausweiten, gehen mit Verbesserungen der psychischen Gesundheit einher. Wird der Zugang und die Leistungen hingegen eingeschränkt, verschlechtert sich auch die psychische Gesundheit.



Die Studienlage ist eindeutig. Gibt man Menschen mehr Sicherheit, verbessert sich ihre psychische Gesundheit. Nimmt man ihnen Sicherheit, verschlechtert sie sich. Die Forschenden stellten außerdem fest, dass Kürzungen der sozialen Sicherungssysteme Ungleichheiten in der psychischen Gesundheit eher vergrößern, während Ausweitungen den gegenteiligen Effekt haben.

Geldtransfers retten Leben



In Brasilien untersuchten Forschende das Programm Bolsa Família, das über zwölf Jahre hinweg rund die Hälfte der brasilianischen Bevölkerung erfasste (mehr als 114 Millionen Menschen). Sie stellten fest, dass Menschen, die Geldleistungen erhielten, deutlich seltener Suizid begingen: 5,5 pro 100.000 im Vergleich zu 11,1 pro 100.000 bei Personen ohne diese Unterstützung. Die monatlichen Geldzahlungen gingen also mit einem um etwa 61 Prozent geringeren Suizidrisiko einher. Der Effekt zeigte sich besonders stark bei Frauen (65 Prozent Reduktion) sowie bei Menschen im Alter von 25 bis 59 Jahren (60 Prozent Reduktion).



Wir reden also nicht über abstrakte Wohlfahrtsmaßnahmen. Sondern es geht um gerettete Leben. Tausende reale Menschen blieben am Leben, weil sie finanzielle Unterstützung erhielten.

Drei Jahrzehnte Evidenz aus North Carolina



Einige der überzeugendsten Langzeitbefunde stammen aus dem US-Bundesstaat North Carolina. 1996 eröffnete die indigene Gemeinschaft „Eastern Band of Cherokee Indians“ ein Casino und schüttete die Gewinne zu gleichen Teilen an alle ihre Mitglieder aus – ein gemeinschaftliches Grundeinkommen, das bis heute existiert.



Eine Studie der Duke University, die die psychische Gesundheit von Kindern in der Region schon zuvor verfolgt hatte, wurde dadurch unerwartet zur bislang längsten Untersuchung der Wirkungen eines Grundeinkommens – mit bemerkenswerten Ergebnissen. In Familien, die der Armut entkamen, nahmen Verhaltensprobleme bei Kindern um 40 Prozent ab. Kinder, die bei Beginn der Zahlungen noch sehr jung waren, entwickelten als Jugendliche rund ein Drittel seltener Substanzmissbrauch oder psychische Erkrankungen. Mit 25 und 30 Jahren litten diejenigen, die mit dem Grundeinkommen aufgewachsen waren, nur zu einem Drittel so oft an Angststörungen und nur halb so häufig an Depressionen wie jene ohne diese Unterstützung.



Die Verteilung der Casinoeinnahmen stärkte zudem den sozialen Zusammenhalt und die Selbstbestimmung der Gemeinschaft. Nicht nur die psychische Gesundheit Einzelner verbesserte sich – auch das soziale Gefüge der Gemeinschaft gewann an Stabilität. Ökonomen verglichen die Kosten der jährlichen Zahlungen mit den Einsparungen bei Kriminalität und Gesundheitsausgaben. Sie stellten fest, dass der Nutzen des Grundeinkommens die Kosten bis zum Alter von 26 Jahren um das Dreifache übersteigt.

Gemeinschaft stärken, psychische Gesundheit stärken



Ein oft unterschätztes Ergebnis der Grundeinkommensforschung: Ein Grundeinkommen stärkt soziale Bindungen – und diese festeren Beziehungen fördern die psychische Gesundheit. In den mehr als 150 Pilotprojekten zum bedingungslosen Grundeinkommen, die seit 2020 in den USA durchgeführt wurden, stellten Forschende immer wieder fest, dass Teilnehmer ihre Zeit und ihre Mittel nutzen, um mehr Zeit mit Freunden, Familie und Nachbarn zu verbringen.



Im namibischen Grundeinkommens-Pilotprojekt beobachteten die Forschenden, dass sich ein „stärkerer Gemeinschaftsgeist entwickelte“. Zuvor hatte Betteln normale soziale Kontakte erschwert: Wenn jede Begegnung mit einer erwarteten Geldgabe verbunden ist, meidet man den Kontakt. Als das Grundeinkommen Betteln überflüssig machte, konnten Menschen einander wieder besuchen, ohne dass dies als Bitte um etwas verstanden wurde. In indischen Dörfern mit Grundeinkommen-Pilotprojekten begannen traditionell getrennte Kasten auf eine Weise zusammenzuarbeiten, die selbst die Forschenden überraschte.



Aus jahrzehntelanger Forschung wissen wir, dass soziale Verbundenheit der wichtigste Schutzfaktor für die psychische Gesundheit ist. Ein Grundeinkommen gibt Menschen nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Sicherheit, um Beziehungen zu pflegen. Und diese Beziehungen stärken die psychische Gesundheit auf eine Weise, deren Wirkung sich mit der Zeit verstärkt.

Unerwartete Verbindung zur Waffengewalt



Die Befunde zu psychischer Gesundheit und sozialem Zusammenhalt weisen in eine weitere, unerwartete Richtung: Waffengewalt. Die USA haben eine der höchsten Mordraten in der industrialisierten Welt – fast dreimal so viele Tötungsdelikte pro Kopf wie Kanada und zehnmal so viele wie Japan. Wie lässt sich das erklären – abgesehen vom leichten Zugang zu Waffen?



1998 leitete Ichiro Kawachi von der Harvard School of Public Health eine bahnbrechende Studie zu den Ursachen der hohen Mordraten in den USA. Das Forscherteam nutzte Daten aus allen 50 Bundesstaaten und berücksichtigte dabei Sozialkapital (also zwischenmenschliches Vertrauen, das Kooperation ermöglicht), Einkommensungleichheit, Armut, Arbeitslosigkeit, Bildungsniveau und Alkoholkonsum. So konnten die Forschenden herausfiltern, welche Faktoren am engsten mit Gewaltkriminalität zusammenhingen – mit eindrucksvollen Ergebnissen.



Allein die Einkommensungleichheit erklärte 74 Prozent der Unterschiede bei den Mordraten. Noch stärker wirkte jedoch das Sozialkapital: Für sich genommen war es mit 82 Prozent der Tötungsdelikte assoziiert. Andere Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Armut oder Bildung spielten nur eine untergeordnete Rolle. Sozialkapital war nicht nur wichtig – es war entscheidend. Kawachi zog den Schluss, dass Ungleichheit und ihre tödlichen Folgen außer Kontrolle geraten, wenn die sozialen Bindungen einer Gemeinschaft zerbrechen.



Und welche Rolle spielen die Waffen selbst? In einer Folgestudie zeigte Kawachi, dass mit dem Rückgang von Sozialkapital und gesellschaftlichem Engagement der Waffenbesitz zunahm. Wer seinen Nachbarn nicht vertraut, verlässt sich eher auf Waffen, um sich sicher zu fühlen. Somit stammen sowohl die Anzahl der Waffen als auch die der Tötungsdelikte von derselben Wurzel: erodiertes soziales Vertrauen. Geht man dieses Grundproblem an – Vertrauen und Gemeinschaft neu aufbauen – können sich beide Probleme gleichzeitig verringern.



An dieser Stelle kommt das bedingungslose Grundeinkommen ins Spiel. Erinnern wir uns an Finnland: Empfänger eines Grundeinkommens vertrauten anderen Menschen und staatlichen Institutionen stärker als die Kontrollgruppe. Erinnern wir uns an Namibia, wo sich ein stärkerer Gemeinschaftsgeist entwickelte. Und an Indien, wo verschiedene Kasten anfingen zu kooperieren. Ein Grundeinkommen verbessert nicht nur die psychische Gesundheit einzelner Menschen – es erneuert auch das soziale Gefüge, das Gemeinschaften vor Gewalt schützt.



Soziologen der University of Washington (meiner Alma Mater) zeigen darüber hinaus: Gesellschaftliches Engagement – wenn Menschen sich für ihre Gemeinschaft einsetzen – ist der stärkste Einflussfaktor für sinkende Gewalt auf Nachbarschafts-, nationaler und individueller Ebene. Ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt allen Zeit und Sicherheit, um sich genau auf diese Weise einzubringen. Es fördert nicht nur die psychische Gesundheit. Es wirkt auch präventiv gegen Waffengewalt.

Die Bedingungen sind das Problem



Die neue finnische Studie macht unmissverständlich deutlich, was viel zu lange verdeckt blieb: Die Bedingungen, die wir an Sozialleistungen knüpfen, sind nicht neutral. Sie schaden aktiv. Überwachung, Auflagen und der ständige Zwang, die eigene Bedürftigkeit nachzuweisen, erhöhen nicht nur den Verwaltungsaufwand – sie richten auch psychischen Schaden an, der selbst dann fortbesteht, wenn die finanzielle Unterstützung ausreicht.



Jahrzehntelang haben wir darüber gestritten, wie viel Geld Menschen erhalten sollen, statt zu fragen, ob wir es wirklich mit so vielen Auflagen vergeben müssen. In Finnland bekamen beide Gruppen denselben Betrag. Die Gruppe mit weniger Bedingungen wies eine um 33 Prozent bessere psychische Gesundheit auf. Das ist kein kleiner Effekt – das ist ein grundlegender Wandel.



Die Befunde aus Finnland, Deutschland, Kenia, Brasilien, North Carolina, Namibia, Indien, Kanada und Dutzenden US-amerikanischer Städte weisen alle in dieselbe Richtung: Bedingungslose Geldleistungen verbessern die psychische Gesundheit. Die Bedingungslosigkeit zählt. Vertrauen zählt. Menschen wie Erwachsene zu behandeln, die selbst über ihr Leben entscheiden können – das macht den Unterschied.



Die Canadian Mental Health Association hat das bedingungslose Grundeinkommen bereits offiziell befürwortet, ebenso die Canadian Medical Association. Mit wachsender Evidenz werden weitere Gesundheitsorganisationen folgen. Die Frage lautet nicht mehr, ob ein Grundeinkommen die psychische Gesundheit verbessert – das ist eindeutig beantwortet. Die eigentliche Frage ist, wie lange wir diese Antwort noch ignorieren wollen.



Jeder Tag, an dem wir die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens hinauszögern, verursacht vermeidbares Leid. Menschen erleben Angst und Depressionen, die sich verhindern ließen. Ihr Vertrauen in die Gesellschaft schwindet – und damit auch das Vertrauen in die Demokratie selbst. Kinder wachsen unter chronischem Stress auf, der ihr Gehirn und ihre Persönlichkeit dauerhaft prägt. Die Wissenschaft sagt ganz klar: Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre eine der wirksamsten Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit, die die Menschheit je erfunden hat.



Die Bedingungen sind das Problem. Vertrauen ist die Lösung. Es ist Zeit, dass wir entsprechend handeln.

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Der Autor: Scott Santens ist ein US-amerikanischer Aktivist für das Bedingungslose Grundeinkommen (UBI). Er hat einen Bachelorabschluss in Psychologie von der Universität Washington.

Der Übersetzer: Dr. Christian Meier ist Physiker und Wissenschaftsjournalist. Er hat mehrere Bücher und Kurzgeschichten verfasst und engagiert sich in unserer Initiative für das Bedingungslose Grundeinkommen.

Hier findet sich der Artikel im Original (vom 18.12.2025):
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