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Zur Geschichte des BGEs – Thomas Spence

Die Anziehungskraft, die das (Bedingungslose) Grundeinkommen heute hat, ist seinen Wurzeln im England des 18. Jahrhunderts sehr ähnlich – es ist eine Möglichkeit, Menschen für ein früheres Gemeingut zu entschädigen, das jetzt zu privatem Vorteil genutzt wird.

Will Glovinsky, 06.05.2026

Seit einem Jahrzehnt kursiert die folgende Geschichte über künstliche Intelligenz: Irgendwann werden Fortschritte bei der Künstlichen Intelligenz (KI), Roboter und selbstfahrende Autos unzählige Menschen arbeitslos machen.

Die Reichen, die KI-Unternehmen kontrollieren, werden noch reicher werden, während das Vermögen der meisten anderen Menschen schrumpfen wird, da ihre Fähigkeiten an Wert verlieren und sie keine neuen Arbeitsplätze finden. Um zu verhindern, dass die USA unter Massenhunger und politischem Chaos leiden, so diese Geschichte, wird ein neues System benötigt: Die Regierung wird vielen Menschen, vielleicht sogar allen, bedingungslose Geldzahlungen zukommen lass

Für diese Art von Politik gibt es viele Bezeichnungen, darunter „(Bedingungsloses) Grundeinkommen“ (engl. “Basic Income”).

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Das ist im Wesentlichen auch die Geschichte, die 2020 der US-Präsidentschaftskandidat Andrew Yang, und der Gewerkschaftsführer Andy Stern erzählten. Man kann sie ebenso von einer Reihe von Tech-Milliardären hören, darunter OpenAI-CEO Sam Altman und Tesla- und SpaceX-CEO Elon Musk. Dabei nutzen diese Tech-Magnaten die Gelegenheit, um für die KI-Modelle ihrer Unternehmen zu werben.

Kommunalverwaltungen von Stockton (Kalifornien) bis Atlanta testen Grundeinkommensprogramme, indem sie Einwohner*innen mit geringem Einkommen Geld auszahlen. Auf der anderen Seite des Atlantiks hat der britische Investitionsminister Jason Stockwood erklärt, dass er und andere Führungskräfte „definitiv“ über diese Idee sprechen.

Auch Sozialwissenschaftler zeigen inzwischen Interesse. Sie verweisen auf Experimente mit dem Grundeinkommen, die sogar noch greifbarere Vorteile aufgezeigt haben, wie etwa weniger Krankenhausaufenthalte und besseres Verhalten bei der Kindererziehung.

Die Entstehungsgeschichte des „Grundeinkommens“

Ich glaube, dass diese Diskussion über das Grundeinkommen – als Lösung für automatisierungsbedingte Arbeitsplatzverluste oder einfach als Mittel, um Menschen zu helfen – etwas Wichtiges außer Acht lässt.
Als Wissenschaftler für britische Kultur, Literatur und Politik beschäftige ich mich mit den englischen Denkerinnen und Aktivistinnen, die an der Wende zum 19. Jahrhundert – einer Ära politischer Unruhen, technologischen Wandels und des globalen Ideenaustauschs – erstmals eine Form des Grundeinkommens forderten. Ich glaube, dass das Verständnis der Ursprünge des Grundeinkommenkonzepts helfen kann, zu klären, was heute hinter dem wachsenden Interesse an dieser Idee steckt.


Die Geschichte legt nahe, dass es beim Grundeinkommen nicht nur darum geht, eine Antwort auf die Automatisierung zu finden oder Armut effizient zu bekämpfen, auch wenn es diese Dinge bewirken könnte.
Aber noch viel grundlegender ist: Forderungen nach einem Grundeinkommen sind eine Reaktion auf das Gefühl, dass den einfachen Menschen auf unfaire Weise etwas weggenommen wurde

Der „Diebstahl von Fachwissen“ durch KI

Die befürchteten Massenentlassungen durch KI sind noch nicht eingetreten, auch wenn sich auf dem Arbeitsmarkt für Berufseinsteiger möglicherweise schon Risse bilden.

Doch die Technologie entwickelt sich rasant, was verlässliche Vorhersagen schwierig macht.
Unterdessen rückt eine andere Seite der Auswirkungen der KI auf Arbeitnehmer in den Fokus: Drei MIT-Ökonomen, darunter zwei Nobelpreisträger, veröffentlichten im Februar 2026 eine Studie, in der sie unverblümt davor warnten, dass aktuelle KI-Modelle dabei sind, „Fachwissen-Diebstahl“ zu betreiben.
„KI-Systeme“, schrieben sie, „schöpfen ungehindert Inhalte von Websites, den (sogenannten) Sozialen Medien, YouTube, Zeitungen, Wikipedia und Blogs ab, kombinieren dieses Material dann statistisch neu und verkaufen den Zugang zu den Ergebnissen.“

Die Sorge ist, dass Unternehmen uns allen – oder unseren ehemaligen Chefs, wenn diese uns dafür nicht mehr brauchen – KI-vermittelten Zugang zu genau jenen Ideen, Kunstwerken und Wissen verkaufen, welche bis heute von Generationen qualifizierter Menschen gemeinsam geschaffen wurden und werden.

Diese groß angelegte Aneignung der Ressourcen, mit denen Wissensarbeiter*innen ihren Lebensunterhalt bestreiten – Fähigkeiten, Stile, Theoreme, Witze, Rezepte – hat eine historische Parallele: wie der Oxford-Ökonom und Experte für maschinelles Lernen Maximilian Kasy argumentiert, spiegelt der groß angelegte Datendiebstahl durch KI-Unternehmen die Einhegung von Gemeinland, der sogenannten Allmende, in England im Vorfeld der industriellen Revolution wider.

Der Verlust der Allmende

Von 1604 bis 1914 nutzten englische Landbesitzer ihren Einfluss auf das Parlament, um 275.186 km² Land an sich zu reißen, das einst von der Allgemeinheit genutzt wurde. Dieser Prozess begann sich Mitte des 18. Jahrhunderts zu beschleunigen.

Zuvor hatten die einfachen Leute gemeinsam das Recht gehabt, Felder zu pflügen, Brennholz zu sammeln, Tiere weiden zu lassen und Torf aus nahegelegenen Mooren zu stechen. Regeln und Geldstrafen hatten eine Übernutzung verhindert. Nachdem diese Ressourcen eingezäunt waren, mussten sie das Land anderer gegen Lohn bewirtschaften. Ein ursprünglich gemeinschaftliches Erbe wurde buchstäblich eingezäunt.

Ähnlich wie heute beim Diebstahl von Fachwissen durch KI-Unternehmen wurde die Einhegung der Allmende von Großgrundbesitzern als Modernisierungsschritt verteidigt. Experten diskutieren noch darüber, doch die Ökonomen Leander Heldring, James A. Robinson und Sebastian Vollmer stellten fest, dass die englischen Einhegungen zu einem Anstieg der landwirtschaftlichen Erträge um 45% beitrugen.

Aber die Einhegung von Land, das zuvor allen gehört hatte, schmälerte auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit der einfachen Leute. Ein Beobachter fasste die Gefühle der Bürger so zusammen: „Ich weiß nur, dass ich eine Kuh hatte, und ein Gesetz des Parlaments hat sie mir weggenommen.“
Die ersten Vorschläge für ein Grundeinkommen entstanden inmitten dieser weit verbreiteten Enteignung.

Eine Reaktion auf Verluste durch Einhegungen

In den frühen 1770er Jahren versuchten die Ratsherren von Newcastle, das Gemeindeland der Stadt einzuhegen und die Pachteinnahmen für sich zu behalten.

Die örtlichen Stadtbewohner leisteten erfolgreich Widerstand. Wenn sie ihre Nutzungsrechte an dem Land aufgeben würden, würden sie die Pachteinnahmen zu gleichen Teilen unter einander aufteilen.

Der Kampf inspirierte einen jungen Lehrer aus Newcastle namens Thomas Spence dazu, den weltweit ersten Vorschlag für ein Grundeinkommen zu entwickeln.

Als Sohn eines verarmten Netzmachers verließ Spence England nie. Doch Berichte über die Systeme der amerikanischen Ureinwohner zur egalitären Landnutzung faszinierten ihn.

Seine Lektüre überzeugte ihn davon, dass die englischen Einhegungen darauf abzielten, die meisten Menschen von genau den Ressourcen auszuschließen, die sie zum Überleben brauchten, und sie so abhängig zu machen. „Wenn sie Gras oder Nesseln essen könnten“, scherzte er, würden die Grundbesitzer auch diese einzäunen.

Spence forderte daher, dass der Grundbesitz jeder Gemeinde – der alten Verwaltungseinheit in England – im kollektiven Besitz ihrer Bewohner sein sollte. Bauernhöfe würden an den Meistbietenden verpachtet, wodurch der Wettbewerb erhalten bliebe.

Doch statt den Grundbesitzern zuzufließen, würden die Pachteinnahmen von der Gemeinde betriebene Schulen, Krankenhäuser, Gerichte und Straßen finanzieren. Der Restbetrag würde alle drei Monate gleichmäßig an alle Einwohner*innen der Gemeinde verteilt werden, unabhängig von Alter, Beruf oder Geschlecht. In einer Version des Plans sollten die Frauen vor Ort die Gemeinde leiten.

Im Jahr 1798 schätzte Spence die Dividende auf fast 10 Pfund Sterling jährlich. Im Jahr 1816 schlugen seine Anhänger eine Version vor, die ehemalige Landbesitzer entschädigen würde, aber immer noch eine Auszahlung von 4 Pfund vorsah. Diese 4 Pfund aus dem Jahr 1816 hätten im Februar 2026 einen Wert von etwa 342 Pfund oder 456 US-Dollar. Und 10 Pfund im Jahr 1798 entsprächen 1.126 Pfund oder 1.496 US-Dollar.

Beides waren enorme Summen zu einer Zeit, als männliche Landarbeiter bei ganzjähriger Beschäftigung etwa 28 Pfund jährlich verdienten. Der Ökonom Thomas Malthus, ein Zeitgenosse von Spence, bezweifelte freilich, dass die Dividende so hoch ausfallen würde.

Aber unabhängig vom Wert der Zahlung argumentierte Spence, dass dieses Geld dem Volk zustehe. Wenn die Einhegung von Land, das sie zuvor bewirtschaften konnten, die einfachen Leute dazu zwang, für Grundbesitzer zu arbeiten oder in die Fabrikstädte im Norden zu ziehen, würden die Zahlungen sie für den Verlust ihrer „natürlichen Rechte“ an der Erde entschädigen

Die erste Grundeinkommensbewegung

In den 1790er Jahren kam Spence nach London. Während die Französische Revolution tobte, verbreitete er dort die Heilsbotschaft des Grundeinkommens, indem er an Ständen und vor Ladenfronten radikale Flugblätter und ein Getränk mit Sassafrasgeschmack namens Saloop verkaufte.

Als unermüdlicher Propagandist veröffentlichte Spence Dialoge, Flugblätter, Balladen, Anthologien und schließlich – als er zwangsläufig verhaftet wurde – seine eigenen Prozessakten. Mehrmals wurde er zwischen 1792 und 1802 inhaftiert, meist ohne jegliches Gerichtsverfahren.

Als er 1814 starb, hatte er eine treue Anhängerschaft von Spenceanern, die Slogans an Wände schrieben und in den Londoner Tavernen Balladen sangen, um für seinen Plan der bedingungslosen Gelddividenden zu werben.

Aber die Doktrin der universellen Zahlungen galt als so gefährlich, dass die Spenceaner 1817 verboten wurden.

Das Grundeinkommen zielt darauf ab, Enteignung zu bekämpfen

Bis vor kurzem fanden Spences Ideen ihre beste Entsprechung in Alaska, wo seit 1982 jeder Einwohnerin und jedem Einwohner jährlich mehrere tausend Dollar aus den Einnahmen gezahlt werden, die durch Ölbohrungen auf staatseigenem Land generiert werden.

Meiner Ansicht nach sind Spences Schriften ein Beweis dafür, dass das Konzept des Grundeinkommens eine Antwort auf die allgegenwärtige Enteignung ist. Vor zwei Jahrhunderten kämpften Spence und seine Anhänger für universelle Barzahlungen, weil die Einhegung des Landes die einfachen Menschen in ihrer Existenzsicherung zu sehr von den Grundbesitzern abhängig gemacht hatte.

Sie argumentierten nicht, dass das Geld den Menschen gut tun würde, wie es Befürworter*innen heute tun. Sie argumentierten, dass den Menschen das Geld geschuldet sei.

Heute treiben Bedenken hinsichtlich der KI-getriebenen Automatisierung die Diskussion über das Grundeinkommen voran. Aber die Automatisierung könnte auch die Form des halblegalen Diebstahls des 21. Jahrhunderts sichtbar machen. Die zunehmenden Forderungen nach einer regelmäßig ausgezahlten „KI-Dividende“, einem als Pauschalbetrag ausgezahlten „Allgemeinen Grundkapital“ oder sogar nach staatlichem Eigentum an KI könnten alle ein aufkeimendes Bewusstsein für eine neue Welle der Enteignung widerspiegeln.
Dieses Mal wird sie durch die Aneignung der nächsten gemeinsamen Ressource der Menschheit angeheizt: unser Wissen und unsere Fähigkeiten.


Dieser Artikel wurde am 30.3.2026 in englischer Sprache hier veröffentlicht


Der Autor Will Glovinsky ist Assistenzprofessor der Geisteswissenschaften an der Binghamton University, State University of New York, seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen auf der britischen Literatur und Kultur des 19. Jahrhunderts, der politischen Ökonomie und der Geschichte der radikalen Bewegungen.


Info über den Übersetzer folgt.


Hinweis: Zu diesem Thema ist auch folgender Artikel von Ronald Blaschke vom 20.08.2015 lesenswert:
Thomas Spence: Der Begründer des Grundeinkommens


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